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Das Ende des catanischen Rittertums

 
23. August 2010
Peter Gustav Bartschat

Ein investigativer Blick hinter die Kulissen der redaktionellen Vernichtung eines sozialen Standes

Eine Kanonen-Geschichte – 1. Teil

Im Jahr 1997 hielt ich zum ersten Mal das „Turnier-Set zum Kartenspiel“ in Händen: Jenen würdigen Urahnen des heute von Eingeweihten in höchsten strategischen Gefilden praktizierten Turnier-Kartenspiels. Die Spielbegeisterung, die mich bald darauf packen sollte, noch nicht ahnend, schaute ich mir die Karte „Kanone“ an, für die Klaus Teuber getextet hatte: „Wehe, das Ende der Ritter naht!“

„Das fängt ja gut an“, sagte ich zu Babsi, meiner Frau. „Es ist ein populärer Irrtum, dass es eine Beziehung zwischen dem Aufkommen von Feuerwaffen und dem Untergang des Feudalsystems gegeben hätte. Tatsächlich waren es soziale Veränderungen wie die Kapitalbildung der freien Reichsstädte, durch die die Aufstellung kopfstarker Infanterieheere erst möglich wurde …“

„Reg dich ab.“, sagte Babsi, „Es ist doch nur ein Spiel.“

Sie hatten beide recht, Babsi mit ihrem für mich immer wieder erschreckenden Sinn für Realismus und Klaus Teuber mit seinem prophetischen Kanonen-Text, denn im kommenden September – Anno 2010 – werden sie tot sein, die catanischen Kartenspiel-Ritter, dahingerafft wie ihre ganze unverbindlich-mittelalterliche Kartenspielwelt.

Und wer hat ihr Grab geschaufelt? Vielleicht tatsächlich eine Kanone?

Rollen wir die tragischen Ereignisse, die Karl den Mächtigen, Lothar den Säufer und selbst Johanna die Kriegerin das Leben gekostet haben, einmal Schritt für Schritt auf.

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Alte Zeiten

Wann spielt eigentlich das catanische Kartenspiel?

Bisher war es recht unverbindlich irgendwann „früher“ angesiedelt. Vielleicht letzten Dienstag im Mittelalter, in jener hybriden Epoche, die wir von den sommerlichen Mittelalter-Märkten und Ritterspielen kennen, wenn sich Karl der Große und Jeanne d’Arc mit Prinz Eisenherz und Xena am Schnellimbiss-Stand treffen, um ihre Handy-Nummern auszutauschen.

Klaus Teuber schwebte bei der Entwicklung des “Cataniversums” ein Parallel-Island (in einem etwas wärmeren Alternativ-Universum gelegen) vor. Rebecca Gablé hat diese Welt, die Anfänge ihrer Besiedlung im 9. Jahrhundert und einige ihrer Bewohner in ihrem 2003 erschienenen Roman “Die Siedler von Catan” detailreich geschildert. In den Spielen selbst fand man diese räumliche und zeitliche Einordnung aber lange nicht widergespiegelt.

Erst die Viking-Edition der Spielfiguren von 2008 und die 2010 erschienenen Brettspiel-Neuauflagen brachten zumindest das Brettspiel seinen Wurzeln näher.

Catan Roman Blog Das Ende des catanischen Rittertums

Die Siedler von Catan - Der Roman

Große Pläne

Nachdem ich im Laufe der Jahre in unregelmäßigen Abständen den einen oder anderen marginalen Gedanken zur Entwicklung des Cataniversums beigetragen hatte, wurde ich 2008 in den sehr kleinen, sehr intensiv arbeitenden Kreis der Kartenspiel-Redaktion berufen.

Das erste Projekt, an dem ich mich in dieser illustren Gruppe bewähren durfte, war die grundsätzliche Überarbeitung des Kartenspiels. Das ist eine Aufgabe, für die zehn Spielentwickler zehn Jahre brauchen würden. Wir waren vier Leute. Wie viel Zeit hatten wir also? Richtig: Zwei Jahre. Irgend wann müsste ich das mal Frau K. unter die Nase reiben, die vor vierzig Jahren versucht hat, mir den Dreisatz näher zu bringen.

Und das sind die drei Kartenspielüberarbeiter, die mich “mitspielen” ließen:

Klaus Teuber. Es scheint müßig, ihn den Lesern dieser Seite noch vorstellen zu wollen. Jeder kennt seine Spiele. Aber seine Fülle an originellen Ideen, um Konfliktsituationen im Regelwerk aufzulösen, seine Aufgeschlossenheit gegenüber Vorschlägen von Mitarbeitern, die sich an Erfolg doch gar nicht mit ihm messen können, sein subtiler, niemals verletzender Humor, seine Fähigkeit, ein Team das sich in einer Sackgasse verrannt hat, immer wieder zu motivieren: Das kann man nur in der längeren, engen Zusammenarbeit kennen lernen.

Dr. Reiner Düren: Doktor der Chemie, seit den Anfängen der Internet-Spielerszene als Turnierspieler ebenso erfolgreich wie in der Spielergemeinschaft engagiert, Moderator mehrerer Foren, Mitorganisator in der Catan Online Welt und einer der Gründer sowie derzeit einziger Betreuer der Regel-Datenbank “Encyclopœdia Catanica”. Man glaubt den scharfen, unbestechlichen Blick des Chemikers bei der Analyse einer unbekannten Substanz zu erkennen, wenn er aus einer Dutzende von Seiten langen Liste mit Regelkonzepten und Spielkartenentwürfen auf einmal drei, vier Punkte herausgreift und mit ein paar Worten unbestreitbar deutlich macht, dass dort ein Problem lauert, vielleicht weil ein Spieler, der eine bestimmte Aktion als erster ausführt, danach nicht mehr einzuholen wäre.

Sebastian Rapp. Manchmal denke ich, er muss wohl jedes Spiel auf der Welt zumindest einmal gespielt haben. Und sich daran erinnern. Er hielt immer das Ziel unserer gemeinsamen Arbeit im Auge und brachte uns mehr als einmal auf den geraden Weg zurück, wenn wir in überschäumender Begeisterung einen originellen Einfall weiter und weiter spannen. Mit den originellen Einfällen ist das nämlich so eine Sache: Sie mögen denen, die sie entwickelt haben, gut gefallen. Aber der wahre Prüfstein für einen Einfall ist ja nicht, ob er dem Autor gefällt, sondern ob er Neueinsteigern den Zugang zum Spiel attraktiv und erfahrenen Spielern das Spiel langfristig schmackhaft machen kann. Das neue, klar strukturierte Regelwerk der „Fürsten von Catan“ – mit nur einem Minimum von „wenn“, „dann“ und „außer“ – ist daher zu einem großen Teil Sebastians Konsequenz zu verdanken, uns in Erinnerung zu rufen, was wir eigentlich erreichen wollten.

Collage Klaus Red Sebastian Das Ende des catanischen Rittertums

Foto-Collage: Klaus Teuber, Dr. Reiner Düren, Sebastian Rapp

Wir fragen die, die sich auskennen

Als wir vier 2008 anfingen, uns über eine umfassende, grundsätzliche, radikale und ganz und gar noch-nie-dagewesene Revolution des Catan-Kartenspiels die Köpfe zu zerbrechen, da mussten wir als versierte Catan-Kenner zwangsläufig als erstes die Chance ergreifen, das Kartenspiel passend zur catanischen Historie von der isolierten Wikinger-Kultur im Atlantik umzuschreiben.

Pustekuchen!

Nicht mal den Schatten eines Einfalls davon hatten wir am Anfang. Über mehr als das ganze erste Jahr der Zusammenarbeit war es immer noch „letzten Dienstag im Mittelalter“ auf Catan. Wir konzentrierten uns dieweil darauf, aus dem Schritt für Schritt in über 10 Jahren entstandenen Einzelfallkatalog eine in sich stimmige Regel zu bauen.

So seltsam das klingen mag: Nichts war ein größeres Problem für das Kartenspiel als sein eigener Erfolg. Dieser Erfolg begründete eine stetige Nachfrage nach Erweiterungen, Erweiterungen müssen neue Aspekte ins Spiel bringen, neue Aspekte “beißen” sich oft mit dem alten Regelwerk: Und so hatte das Kartenspiel im Jahr 2008 – seinem 11. Lebensjahr – bereits zwei umfangreiche Regel-Reformen hinter sich. Schwerpunkt dieser Reformen war gewesen, mit dem vorhandenen Material – ergänzt durch ein paar Aufkleber mit Textkorrekturen – nach geänderten Regeln spielen zu können. Unabsichtlich war das Spiel dadurch in ein fast undurchdringliches Regel-Labyrinth geführt worden: Potenzielle Neueinsteiger fanden kaum noch Zugang zum Spiel, während versierte Spieler insbesondere der anspruchsvollen Turnier-Variante in gerade diesem Labyrinth ihre spielerische Heimat gefunden hatten.

Neueinsteigern wollten wir einen einfachen Zugang zu einem lockeren, unterhaltsamen Spiel bieten, den “alten catanischen Hasen” aber die strategische und taktische Tiefe des traditionellen Kartenspiels bewahren.

Es beiden Zielgruppen in jedem Punkt recht zu machen, dürfte nahe an der Unmöglichkeitsgrenze liegen. Wenn ich auch noch nicht ganz sicher bin, auf welcher Seite davon. Um so größer war andererseits die Herauforderung dieser Aufgabe.

Nun sind wir vier ja auch alte catanische Hasen. Eine der größten Gefahren, der eine solche Truppe sich stellen muss, ist, dass sie sich in Betriebsblindheit verliert.

Daher haben wir schon in der Vorbereitungsphase, noch ehe die erste neue Regel formuliert war, immer wieder die Gelegenheit ergriffen – besser sollte ich vielleicht schreiben: “erzwungen” – das Kartenspiel mit Leuten zu spielen, die es eigentlich gar nicht spielen möchten: Sei es, weil sie ohnehin nicht gern spielen; sei es, weil sie das Kartenspiel bereits kannten, sich aber im Laufe der Zeit davon abgewandt hatten. Babsi gehört zur zweiten Gruppe. Sie hat jetzt das Auto, ich die Katzen.

Vielleicht waren diese Tests mit Nicht-Kartenspielern das wichtigste, das wir überhaupt während der Entwicklung getan haben. In den Gesprächen mit Spielern, die dem alten Kartenspiel ablehnend gegenüberstanden, verschoben sich bisweilen unsere “Alte Hasen”-Perspektiven so gründlich, dass wir manchmal das Gefühl hatten, ein ganz anderes Spiel zu sehen als unser Gegenüber am Tisch.

Kartenspiel Reform Fuersten Das Ende des catanischen Rittertums

Arnd Beenen und Klaus Teuber beim Prototypentest in Bilstein

Dunkle Wolken brauen sich über glänzenden Rüstungen zusammen

Der 20. Juni 2009 war der Tag, an dem der Untergang der catanischen Ritter begann. Aber nicht nur die Ritter blickten ahnungslos in eine kurze und finstere Zukunft, auch ich hatte noch keine Ahnung, als ich als Ergebnis eines Tests mit Babsi notierte: „Unterschiedliche Wertung von Stärke- und Turnierpunkten zu kompliziert. Ritter sollten nur ‚Ritterpunkte‘ haben; intuitiv erkennbare Parallele zu ‚Mühlenpunkten‘.“

Ich persönlich fand das ja überhaupt nicht zu kompliziert, und so kommentierte ich das damals auch, als ich eines meiner Memos über die Testspiele schrieb. Sebastian Rapp war es, der mir damals meinen „Tunnelblick“ mit ein paar klaren Worten austrieb und mich erst dazu brachte, mir Babsis Sichtweise einmal zu eigen zu machen und den Gedanken dann weiter zu denken. Danke, Babsi und Sebastian. (Ich bezweifle, dass die Ritter sich meinem Dank anschließen würden, denn hätten wir diesen Gedankengang nicht weiter verfolgt, würden sie vermutlich noch lange leben auf Catan.)

Aber hatte Babsi nicht recht? Ritterkarten hatten damals Fäuste und Helme mit Zahlen als Symbole aufgedruckt. Und wer die meisten Fäuste besaß, der bekam als Belohnung was? Eben: Eine Reiterfigur. Hand aufs Erz: Wer soll so was denn verstehen?

Goetz Eisenfaust Blog Das Ende des catanischen RittertumsRittermacht Das Ende des catanischen Rittertums

Schwerter zu Äxten schmieden

Etwa zur selben Zeit hatte Klaus Teuber das Konzept entwickelt, die einzelnen Themen-Sets nicht mehr „Ritter & Händler“, „Zauberer & Drachen“, „Currywurst & Pommes“ und so weiter zu nennen. Statt dessen bekamen die Sets Titel wie „Zeit der Wirren”, die sie in eine chronologische Reihenfolge brachten.

Eine Idee, für die ich mich schnell begeistern konnte. Für mich als gelegentlichen Autor von historischen Romanen war es verlockend, an Titel und Themen der einzelnen Karten vor einem konkreten zeitlichen Bezug herumzubasteln, um den wir uns bis dahin wenig gekümmert hatten.

Und so rückte der Tod der catanischen Ritter langsam näher:

Wenn wir schon eine chronologische Reihenfolge der Sets haben, dann muss das Basisspiel am Anfang stehen. Wann soll das spielen?

Jetzt, im Rückblick, hat man den Eindruck, dass in leuchtenden Großbuchstaben am Himmel über unseren Köpfen hätte geschrieben stehen müssen: NATÜRLICH IM 9. JAHRHUNDERT AUF DEM NEU ENTDECKTEN CATAN, IHR BLINDFISCHE!

Tatsächlich aber wurschtelten wir weitere Wochen mit den verschiedensten Ideen herum, bis sich auf einmal – wie bei einem Puzzle, bei dem man bemerkt, dass die Katze ein wichtiges Teil in ihre Schlafecke verschleppt hat – alle offenen Enden der thematischen Einbettung zu einem kompletten historischen Konzept zusammenschlossen: Das Basis-Spiel entspricht der catanischen Frühgeschichte und den Errungenschaften, die von dort als Tradition in alle anderen Epochen fortdauern. Das Basis-Spiel ist erweiterungsfähig durch einzelne Themen-Sets, die zusammen mit dem Basisspiel jeweils eine Epoche der catanischen Geschichte nachspielen lassen.

Ist eine Idee erst einmal zu einem schlüssigen Konzept ausformuliert, erscheint sie oft so selbstverständlich, dass man nicht mehr verstehen kann, wo dabei eigentlich die Arbeit gewesen sein soll. Aber bis man einmal soweit ist, muss man oft 69 „gute Ideen“ beerdigen, weil sie alle bei näherer Betrachtung einen Pferdefuß haben, bis die 70. plötzlich funktioniert.

Die Ritter starben uns dabei unter den Händen: Auf einer Inselgruppe mit einer isolationistischen kulturellen Grundhaltung würde sich schwerlich dieselbe Form einer Feudalgesellschaft entwickeln, wie zur selben Zeit auf dem europäischen Kontinent. Zudem konnten wir, wenn wir uns schon das Ambiente von Rebecca Gablés Catan-Roman orientierten, keine Ritter mehr gebrauchen: Die dort zum Leben erweckten Handwerker, Händler und Seeleute sind zwar erfahrene Raufbolde – oder werden zumindest im Lauf der Handlung dazu – aber eben keine Ritter.

So kamen wir schließlich in Anlehnung an die alten nordischen Sagas zum Konzept unserer Helden. Die haben allerdings nicht einfach „Heldenpunkte”, wie man durch unsere Verfolgung von Babsis auslösendem Vorschlag mit den „Ritterpunkten“ hätte denken können. Wir behielten nach ausführlicher Erwägung der Alternativen und deren Konsequenzen schließlich die ursprüngliche Zweiteilung bei, wenn auch mit anderen Schwerpunkten: Die alten „Stärkepunkte“ und „Turnierpunkte“ eines Ritters müssten thematisch eigentlich dasselbe beschreiben, denn im Turnier werden hauptsächlich Kampftechniken erprobt.

Stärke wird jetzt durch ein Axt-Symbol dargestellt, und wer die stärksten Helden hat, der bekommt jetzt auch einen Stein mit einer Axt, und nicht mehr wie früher irgendetwas ganz anderes. (Ein Gipsmodell vom Eyjafjallajökull zum Beispiel.)

Wir haben der Stärke – also dem Gewaltpotenzial eines Helden – jetzt sein Geschick gegenübergestellt. Das Geschick symbolisiert in absichtlich doppeldeutiger Wortwahl das Schicksal eines Helden, aber zugleich auch sein Geschick in Verhandlungen und sozialen Wegen der Problemlösung. Kein Wunder, wird der Kenner des Catan-Romans sich sagen, dass die Werte von Candamir und Austin da so unterschiedlich ausfallen.

Ritterentwicklung Das Ende des catanischen Rittertums

Osmund Staerke Geschick Das Ende des catanischen Rittertums

Osmund - Stärke und Geschick


Eine Kanonen-Geschichte – 2. Teil

Das war die Geschichte vom Untergang des catanischen Rittertums. Klaus Teuber hatte ihn schon 1997 vorausgesehen, als er auf seine Kanonenkarte schrieb: „Wehe, das Ende der Ritter naht!“.

Doch was wurde aus der Kanone selbst?

Wie Sie im nächsten Blog-Beitrag von Klaus Teuber über das Themen-Set „Zeit des Fortschritts“ erfahren werden, hat auch sie inzwischen ihren Meister gefunden.

Peter Gustav Bartschat

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